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Werner Neuwirth
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Stellstück - FORM  FUNKTION VI,   2015   
Glasierte Keramik    h 25cm  b 35cm
Werner Neuwirth
 
Das künstlerische Oeuvre von dem in Rüsselsheim ansässigen Künstlers Werner Neuwirth ist umfangreich und vielfältig. Malerisches und Zeichnerisches finden hier zusammen, wobei Arbeiten auf Papier Vorrang vor der Malerei auf Leinwand haben. Hier spricht sich deutlich die Vorliebe des Künstlers für das Material Papier aus. Papier interessiert ihn aufgrund der Vielfalt des Materials, die sich in Struktur, Oberflächenbeschaffenheit ebenso äußert wie in den unterschiedlichen Stärken und Farbigkeiten. Die breite Bandbreite, die sich allein mit der materialen Qualität von Papier verbindet, liefert Neuwirth den Aktionsraum seiner Kreativität. Von einer beständigen Neugierde auf ein am Anfang des Schaffensprozess noch nicht klar festgelegtes Ergebnis getrieben, wendet er sich dem Papier mit Mal- und Zeichenstift, Radiernadel und Pinsel zu, um sich die Oberfläche auf ebenso vielfältige Weise anzueignen. Collagierte Elemente verbinden sich mit Zeichnung, Zeichnung bestimmt den Duktus der Radierung und gleichzeitig erhält auch hier die Collage ihren Raum. Beim Drucken arbeitet Neuwirth immer wieder mit ausgeschnittenen Elementen, die er entweder als Farbformen auf die Oberfläche bringt oder als Prägungen in der Papier senkt.
 
Doch ist Fläche oder Flächigkeit keineswegs das leitende Motiv der Arbeiten. Auch wenn diese ungegenständlich bleiben, also von der Ausformulierung eines konkreten Motivs absehen und sich auf der Fläche ereignen, eröffnen sie dem Betrachter doch einen Raum, der ihn schichtweise in die Tiefe des Konzeptes hineinführt. Zum Tragen kommt hier, dass für Neuwirth Beziehungen wichtig sind. Solche Beziehungen bestehen für ihn zwischen jeder ausgeführten Linie. Aus der einzelnen Linie wie aus dem Liniengefüge erwächst eine Komposition, die sich ebenso in zwei Dimensionen ausstreckt wie in die dritte Dimension des Raumes vordringt. Die Linien schließen sich zu einem dichten Gewebe, das bisweilen sogar textile Anmutung aufweist. Die scharf gezogenen schwarzen feinen Linien, die sich als Strang über das Blatt ziehen, erinnern an gezwirnte Fäden, die auf die Fläche mehr collagiert als gezeichnet wirken. Ein mit Filzstift gezogene rote Linie faserst an ihren Rändern blutig aus, wie es ein locker gesponnener Wollfaden tun würde. Damit sind nur einige wenige Stilmerkmale genannt, die das Werk von Neuwirth zu einer reizvollen Variationsbereite ausfalten.
 
Diese findet eine Ausweitung in einer tatsächlichen wie auch simulierten Schichtung von Materialien. Über manche Zeichnungen legt Neuwirth eine Ozalitfolie, eine für Architekturzeichnungen gebräuchliche hochwertige, transparente Zeichenfolie. Unter der milchigen Oberfläche schimmert die auf die erste Materialschicht aufgetragene Zeichnung durch, um sich mit den auf der Ozalitfolie liegenden Schichten zu verbinden. Die Technik verbindet der Künstler häufig mit einer Art Architekturzeichnung. In gepunkteten, gestrichelten oder anderweitig gebrochenen Linien klingen Archtiekturelemente an, wie beispielsweise das Ensemble der Bauten des im nahegelegenen Ried befindlichen Hofguts Wasserbiblos. Diemit der Architketur gegebenen Konturen und Linien werden bei Neuwirth stilisiert und der Fläche eingefügt. Das Plastische klingt nur mehr verhalten an. Die zeichnerischen Möglichkeiten überlagen den realistischen Eindruck. Vor diesem Hintergrund über auch Kartenstrukturen und andere Zeichensysteme einen strakten Reiz auf den Künstler aus.
 
Vor allem ist es das Vermögen der grafischen Vorgehensweise, das ein ganzes Spektrum an materialen Qualitäten suggeriert. So ist das, was als Punzierung erscheint nicht immer mit einem Einstich in das Papier verbunden. Zum Teil erzeugt Neuwirth diesen Eindruck durch gezielt gesetzte Punkte. Sie können ebenso von einer Bleistiftspitze stammen wie auch mit weißer Farbe auf das Papier gesetzt sein, wo sie leicht erhaben, die Haptik des Papiers zum Bewusstsein bringen. Solche haptischen Anmutungen verleiten immer wieder dazu, Linien mit dem Finger nachspüren, Eigenschaften des Materials sinnlich erfassen zu wollen.
 
Unternimmt man den Versuch einer stilistischen Einordnung von Neuwirths Werk, so lassen sich Bezüge zu Informel und Abstraktem Expressionismus nennen, um diese Verbindung zugleich durch eine Reihe von Einschränkungen wieder zurückzuweisen, denn bei Neuwirth steht weder das Farbmaterial noch der Gestus im Vordergrund. Vielmehr setzt er diesem gerade die feinfüllige Zeichnung, das Arbeiten mit Stiften aller Art entgegen. Dennoch ist auch die Eigenwirkung des Materials in seinen Arbeiten nicht belanglos.
 
Mit Informel oder Abstraktem Expressionismus verbindet ihn allenfalls die Ungegenständlichkeit seiner Motive. Sie liefern keine manifesten Anhaltspunkt auf ein Genre, sondern beschränken sich ganz auf die interagierenden Erfahrungen von Raum und Fläche, linearer Gestaltung und flächiger Komposition.
Spürbar werden aber auch Einflüsse, die Neuwirth aus einem Studium bei Karl Bohrmann an der Städelschule mitbringt. Sie zeigen sich in der Konzentration auf ein zeichnerisches Werk, das im Falle Bohrmanns sich sehr wohl den verschiedenen Genre wie Akt, Interieur, Stillleben und Landschaft zuwendet, die bei Neuwirth nur mehr verhalten, allenfalls als Idee anklingen. Doch ob gegenständlich oder ungegenständlich: in beiden Fällen eröffnet sich innerhalb eines Sujets ein ganzer Kosmos an Variationen, in denen ein Ausgangsmotiv immer wieder durchgespielt, durchexerziert wird und dabei jedes Mal etwas Neues hervorbringt.
 
Werner Neuwirth hat den virtuosen Umgang mit Varianten, Abwandlungen und Veränderungen wiederholt in Serien durchgespielt. Als Beispiel ist die unter dem aus dem Zufall gewonnen Begriff „Kunsthonig gestellte Serie an kleinformatigen Tafeln, auf denen von einem Ausgangsmotiv ausgehend eine komplexe Folgen an Abwandlungen hervorgeht, deren Erscheinungsweise sich schließlich so weit aufspreizt, dass nur mehr das Format als einzig allen Gemeinsames besteht. Die Kunsthonig-Folge nimmt ihren Anfang 1994 und umfasst insgesamt 280 Arbeiten, die jeweils einen eigenen Charakter aufweisen, obwohl durch ihre Entstehungsgeschichte zugleich auch wieder eng aufeinander bezogen sind. Auch wenn die Kunsthonigfolge der Vergangenheit angehört, nimmt sie im Werk von Neuwirth doch einen wichtigen Stellenwert ein, weil sie die Basis für weitere Arbeiten bildet.
 
Ein anderes Beispiel sind Radierungen, deren Vielzahl im Endergebnis nicht ahnen lässt, dass sie tatsächlich nur von wenigen Druckplatten gefertigt wurden. Das Konzept besteht darin, dass der Künstler zunächst mit sparsamen Zeichnungen beginnt, von jedem Stand einen Druck anfertigt, um dann an der einmal angelegten Zeichnung weiterzuarbeiten. Bei manchen Drucken werden einfach nur einfärbte, aus Pappe geschnittene geometrische Elemente mit gedruckt, die nach dem Druckdurchgang wieder aus der Presse entfernt werden, um Raum für einen neuen Druck zu geben.
 
Die Serie der Radierungen verbindet ein für jedes Blatt eigens ausgestalteter Rahmen. Er ist Teil des Motives, grenzt sich zugleich aber davon ab. So entstehen ein Außen- und ein Binnenraum, wobei der Außenraum durch die Rahmung markiert ist. Das freie Feld innerhalb des Rahmens dient der Präsentation der Zeichnung. Mit dem während der Arbeit dichter werdenden Lineament, der Verdichtung der Zeichnung schließen sich Rahmen und Motiv immer enger zusammen, um sich schließlich zu einer Einheit zu verbinden, bei der eine Unterscheidung von Rahmung und Binnenfläche gänzlich aufgehoben ist.
Ein weiteres Feld an Variationen erschließen die sogenannten Collix. Hinter dem vom Künstler geprägten Begriff verbergen sich Collage und die Möglichkeit deren Abwandlung von A bis X, also einer konstitutiven Folge von Veränderungen, die auseinander hervorgehen, dadurch miteinander in Verbindung stehen und doch je eigene Einheiten bilden.
 
Dr.Viola Hildebrand-Schat
Frankfurt 2012
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Ohne Titel, 1997  Mixed Media auf Papier 28,5 x 21,5 cm
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