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Werner Neuwirth
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non finito?

Zeichnung, Malerei, Skulptur

 
Kunstforum MainturmFlörsheim am Main
23. April – 25. Juni 2017
 
Einführungsrede anlässlich der Vernissage zur AusstellungWERNER NEUWIRTH. Zeichnung, Malerei, Skulptur am 23. April 2017Dr. Martina Wehlte M.A.
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Werner Neuwirth hat seine Ausstellung unter das Motto non finito? gestellt, zu Deutsch nicht zu Ende geführt / unvollendet?. Beim Non finito handelt es sich um einen klar definierten kunstgeschichtlichen Begriff, der nicht etwa bezeichnet, dass ein Werk verworfen und daher vorzeitig beendet wurde, weil es der Künstler als misslungen erachtet oder das Interesse daran verloren hätte. Ganz im Gegenteil: Non finito ist eine bewusste Reduktion auf das allgemein Wesentliche einer Darstellung und damit eine eigenständige Darstellungsform. Kunstinteressierte, besonders Liebhaber der Bildhauerei, denken bei ‚non finito‘ sicher zuerst an die herausragenden Marmor-skulpturen Michelangelos, namentlich seine kraftvoll aus dem Stein drängenden Sklaven, die sich doch der Materie nicht entwinden können; oder an Auguste Rodin, bei dem das Non finito und damit ein vermeintlich verschwenderischer Umgang mit dem Material Marmor ebenfalls eine große Rolle spielte.
Was ist nun aber mit der Kunst auf Papier oder Leinwand? Es dürfte weniger bekannt sein, dass hier der Begriff non finito im fünfzehnten Jahrhundert mit Bezug auf die Handzeichnung als eigenwertiges Kunstwerk aufkam. Da es in der Natur keine Linie gibt, galt den Künstlern der damaligen Zeit die Linien-Kunst in Form der Handzeichnung als höchste Form der Abstraktion: eine Zeichnung könne die Natur nicht vollständig abbilden, so dass der Betrachter das Fehlende im Geist ergänzen müsse. Die Neurologie beschreibt heute diesen Mechanismus des sogenannten ‚Filling-in‘ des Gehirns als ein Ergänzen aus dem persönlichen Erfahrungsschatz heraus oder nach der Wahrscheinlichkeit. Bezogen auf die Kunstbetrachtung heißt das, dem Betrachter wird eine intellektuelle Leistung und Vorwissen abverlangt.
 
Ist nun Werner Neuwirths handschriftlich ergänzter Titel auf dem Ausstellungsplakat „
non finito? ein schlüssiger Kommentar zu seinen Gemälden, Graphiken, Zeichnungen und Plastiken? Fehlt da etwas, weil die Fläche noch Platz böte? Oder bedeutet die Beschränkung des Bildvokabulars eben auch Freiraum für die Vorstellungskraft des Betrachters? Sie sind eingangs den schmalen Gang entlang an einer Reihe von Radierungen und farbigen Monotypien gleichen Formats aus dem Jahr 2015 vorbei gekommen, alle mit A.I.R plus einer fortlaufenden Nummerierung betitelt. Diese Serie entstand während eines dreimonatigen Aufenthalts als Künstler in Residenz in einer Psychiatrie im Rheingau. Dort gab es eine Druckerpresse und neben der künstlerischen Betreuung von Patienten noch genügend Zeit für eigene Arbeit.
 
Schauen wir uns das Blatt Nr.7 mit den geometrischen, großzügig verteilten Formen an, deren Binnenstruktur ein Rechteck umschreibt, so wird dem geübten Betrachter bewusst, dass er diese ausgewogene Komposition unwillkürlich zu einem geschlossenen Ganzen ergänzt, während ein eher kunstabstinenter Betrachter den Blick auf die Leerflächen richten mag und das Bild als unfertig empfinden könnte. Einmal mehr erinnern wir uns an die Feststellung, das Werk entstehe im Auge des Betrachters. Besonders reizvoll an dieser graphischen Serie ist die ersichtliche Weiterentwicklung durch Überarbeiten ein und derselben Druckplatte, indem die farbige Ausführung variiert wird oder verschiedene Motive aufgebracht sind. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Werner Neuwirth eine besondere Vorliebe für Papier als Bildträger hat. Besonders das Bütten zeitigt Farbeffekte, die eine Leinwand nicht bietet; es saugt die Farbe auf, lässt die Linie ausfasern. Für einen Künstler, der sich ganz vom Abbildhaften gelöst hat und statt-dessen die Möglichkeiten und Zufälligkeiten reiner Malerei ausloten möchte, ist das ein wichtiger Effekt, der auch den Betrachter für die Eigenarten des jeweiligen Materials sensibilisiert. An dem Blatt zu meiner Rechten lässt sich das beispielhaft erfahren.
 
Gerade vor den Arbeiten auf Papier lässt sich auch Werner Neuwirths Prinzip der Schichtung ansprechen, hier als Collagetechnik angewandt. Schichtung begegnet auf seinen Leinwänden und Papierarbeiten ebenso im Über- und Ineinander von Malerei und Zeichnung, deren Bezugssystem einen Binnenraum schafft. Nicht von ungefähr gibt es in seinem Oeuvre des hier vorgestellten Zeitraums der letzten sechs Jahre eine Reihe mit dem Titel ‚Raumzeichen‘. Wie die
Formica Abstract in diesem Raum im ersten Stock zeigt, handelt es sich dabei um einen diffusen, schwer fassbaren Raum, der durch Farbmodulationen entsteht, wie sie die Sprühtechnik ermöglicht, die unterschiedliche Farbdichte erzeugen kann. Wie bemisst sich der Raum? Ist er tief oder eher flach? Orientieren wir uns an den luftigen oder an den kompakten Partien? Die darüber gelegten weich geschwungenen Linien, die eine vordere Bildebene markieren - in anderen Werken sind es schwebende geometrische Formen (rechtwinklige Linien, Punkte oder Kreise) – geben der ‚ungewissen‘ Farbfläche darunter eine Festigkeit. Manche Liniengerüste bewirken geradezu eine Kompression; im Nachhinein aufge-brachte Partien mit geometrischen oder floral anklingenden Formen stabilisieren durch innerbildliche Bezüge die aufgesprühten Farbwolken. Neben Acryl kommen im spontanen Werkprozess auch Tusche und Pastellkreide zur Anwendung.
 
Im Erdgeschoss sind Sie an zwei großformatigen Leinwänden in fast monochromer Farbgebung – nämlich Weiß-Grau-Abstufungen – vorbei gekommen. Die beiden Arbeiten von 2015 korrespondieren in ihrem Liniengeflecht vor einem luftigen Hintergrund wie Tag und Nacht, - heller und in prägnanten, das Bild diagonal durch-ziehenden Linien das eine mit dem Titel
Non Finito, dunkler und mit einem zentrierten Netz aus dünneren weißen Linien das andere mit dem Titel Paragraph. Der offene Charakter des erstgenannten, sein lichter, unbegrenzter Bildraum hat wohl zu dem Titel geführt und die Ausgewogenheit der Komposition führt vor Augen, was ich zu Beginn über die Bedeutung von non finito zu erklären versucht habe. Das Gegenteil ist bei Paragraphen der Fall; sie unterteilen, differenzieren Gesetze oder Verträge, haben Bezug zu einer konkreten Gegebenheit und sind daher begrenzt, wie es die Kompo-sition Paragraph mit ihren klaren weißen Linien auch vorführt.
 
Nun arbeitet Werner Neuwirth nicht themenbezogen sondern intuitiv und prozesshaft, daher spielen Titel keine große Rolle, zumal sie die Betrachtung und das Verständnis eines Werks durch den Betrachter in eine bestimmte Richtung lenken. Die meisten Angaben zu den hier gezeigten Bildern und Plastiken sind technischer Natur, geben Aufschluss über Werkreihen, Assoziationen, nicht aber inhaltliche Hinweise. Wie sollten sie auch? Für den Künstler ist keine Wiedergabe der Natur oder einer wie auch immer verfremdeten, abstrahierten äußeren Lebenswirklichkeit der Gegenstand des Interesses sondern das Verhältnis von Fläche und Raum, Linie und Form, Malerei und Zeichnung, die Wirkungsmöglichkeiten der Malmaterie, die er mit dem Pinsel aufträgt oder auf-sprüht, mit dem Buntstift strichelt oder schichtet, um Farbeffekte und Stofflichkeit zu erzielen. Kein erzählerisches Moment lenkt von dieser Auseinandersetzung mit dem autonomen Status der Kunst ab.
Vielseitig und experimentierfreudig ist der gebürtige Österreicher Werner Neuwirth, der von 1975-79 an der Städelschule in Frankfurt bei Karl Bohrmann freie Malerei studierte und bis 1990 auch als Musiker mit Schlagzeug und E-Gitarre tätig war. Er ist seit 2003 Mitglied der Darmstädter Sezession und arbeitet freischaffend in Rüsselsheim und seinem Heimatort Gurk in Kärnten. Seine Werke sind seit 1987 in zahlreichen Aus-stellungen und auf den großen Kunstmessen überregional zu sehen, finden sich in vielen öffentlichen Sammlungen im In- und Ausland und natürlich in Privatbesitz. In Deutschland wird er unter anderem durch die Galerien Netuschil, Darmstadt, Barbara von Stechow, Frankfurt/M. und Arthea, Mannheim vertreten.
 
Die angesprochene Experimentierfreude ist an den wechselnden Arbeitstechniken ersichtlich: dem Abkleben, Übersprühen und wieder Abziehen von Bildpartien, dem Perforieren des Papiers, dem geduldigen Stricheln mit Farbstiften auf der großforma-tigen
Scribble-Leinwand, dem Kombinieren von Wort und Bild, die durchaus nichts miteinander zu tun haben müssen, getreu dem Ausspruch René Magrittes: „Ein Wort dient manchmal nur dazu, sich selbst zu bezeichnen … (und) …In einem Gemälde sind Wörter von derselben Substanz wie Bilder.
 
Damit schlage ich kurz den Bogen zu den abstrakten, vollplastischen und glasierten Keramiken sowie den Objekten aus flach gerollten Tonscheiben, die zu
Wandstücken gefaltet und in warmen Farben aus dem Brennofen geholt werden. Am oberen Ende der Treppe geht man direkt auf ein solches kleines Objekt zu. Es hat die Aufschrift: „Alles im Fluss – aber nix is fix. Abgesehen davon, dass es sich hierbei um eine Reminiszenz aus der Fluxus-Zeit handeln könnte und dass in der witzigen Formulierung eine allgegenwärtige Lebenserfahrung auf den Punkt gebracht ist, charakterisiert dieses „alles fließt / das „Panta rhei Heraklits auch die kontemplative, „fließende Bildsprache Werner Neuwirths. Deren offener, intuitiver Anschein hat gleichwohl nichts Beliebiges sondern entspricht vergleichsweise dem Impromptu der Musik. Nicht zufällig war Impromptu der Titel von Werner Neuwirths letztjähriger Ausstellung in Klagenfurt. Das französische Wort kommt vom lateinischen in promptu esse – in Bereitschaft sein, zur Verfügung stehen. Das Impromptu ist ein kleineres Instrumentalstück und folgt einem festen musikalischen Aufbau in dreiteiliger Liedform. Der Begriff wird aber auch auf die Zauberkunst angewandt und bezeichnet dort Zaubertricks, die ohne Hilfsmittel ausgeführt und jederzeit aus dem Repertoire abgerufen werden können. Ein solch reiches Repertoire an Kenntnis, Übung, Erfahrung und talentiertem Künstlertum ist auch die Voraussetzung, um sich wie Werner Neuwirth erfolgreich einem schöpferischen Arbeitsprozess mit offenem Ausgang zu überantworten.
 
MARTINA WEHLTE
 
 
 
 
© Dr. Martina Wehlte, Hockenheim, 23.04.2017. Dieses Dokument ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen oder Abdruck (auch auszugsweise) bedürfen der Genehmigung der Autorin.
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